Location Intelligence

Die Nutzung geografischer Informationssysteme (GIS)

Mehr als jemals zuvor nutzen Menschen ihre Smartphones. Sie suchen nach einem Restaurant in der Nähe, protokollieren ihr Workout, sehen sich die Wettervorhersagen an … Sollten Sie nicht am Ort des Geschehens sein?

Nun, da die Menschen durch Verbraucheranwendungen immer vertrauter mit georäumlichen Technologien werden, geraten viele Wirtschaftsbereiche und Unternehmen unter Druck, Geodaten auf intelligente Weise zu nutzen.

Vor ungefähr zehn Jahren hätten sich die meisten Menschen gegen die Idee gesperrt, ein Gerät bei sich zu tragen, das ihren aktuellen Aufenthaltsort an Banken, Versicherer und sonstige Unternehmen übertragen könnte. Indes denken wir in dieser Hinsicht selten an Smartphones. Viele von uns stützen sich zunehmend auf praktische georäumliche Technologien wie Kartierungssoftware und ortsbezogene Anwendungen.

Wir nutzen diese Anwendungen unter anderem zum Navigieren oder um neue oder alte Freunde zu finden, ein bestimmtes Produkt in der Umgebung zu suchen, das zum Verkauf steht, einen Tisch in einem beliebten Restaurant zu reservieren oder ein Taxi zu bestellen. Die Möglichkeiten sind beinahe grenzenlos.Wir erwarten derartigen Komfort in fast allen Lebensbereiche, ganz gleich, ob es dabei um Unternehmen geht, mit denen wir Geschäfte machen, oder um unsere Arbeitgeber.

Geografische Informationssysteme „waren früher eine hochspezialisierte Technologie, die nur von einem kleinen Personenkreis für ganz spezifische Dinge genutzt wurden“, sagt Clarence Hempfield, Director, Product Management bei Pitney Bowes.„Weil aber ortsbezogene und „raumbewusste“ Anwendungen durch Verbraucheranwendungen im Alltag eine immer größere Rolle spielen, sind Unternehmen, die bisher nie mit GIS gearbeitet haben gezwungen, solche Anwendungen zu entwickeln und zu unterstützen.“

Laut einer von Google 2013 in Auftrag gegebenen Studie geht das britische Beratungsunternehmen Oxera davon aus, dass auf georäumliche Technologie basierende Dienste weltweit pro Jahr zwischen 150 Milliarden US-Dollar und 270 Milliarden US-Dollar an Umsätzen generieren. Damit wäre dieser Sektor wesentlich größer als die Videospielbranche und hätte ein Ausmaß, das einem Drittel der Luftfahrtindustrie entsprechen würde. Dem Bericht ist außerdem zu entnehmen, dass georäumliche Technologie einen jährlichen Zuwachs von 30 % verzeichnet.

Die Herausforderung, so Hempfield, bestehe aber darin, dass viele technische Fachleute keine Erfahrung mit Geolokalisierung hätten. „Von IT-Abteilungen wird verlangt, dass sie raumbewusste oder raumorientierte Anwendungen entwickeln, ohne je damit gearbeitet zu haben“, sagt er. „Aus diesem Grund mussten Unternehmen wie Pitney Bowes auf den Plan treten und dafür sorgen, dass auch Anwender, die keine GIS-Experten sind und nicht auf eine langjährige Erfahrung mit solchen Technologien zurückgreifen können, in die Lage versetzt werden, Geoanwendungen zu entwickeln und bereitzustellen.“

David Sonnen, Global Analyst for Spatial Information bei IDC, ist derselben Meinung, dass IT-Abteilungen „selten, wenn überhaupt“, GIS-Experten in ihren Reihen haben. „Jedes Unternehmen hat seine eigene Betrachtungsweise der Welt, und ihre Informationssysteme spiegeln diese Betrachtungsweise tendenziell wider“, sagt Sonnen. „IT-Abteilungen wird allmählich klar, dass Standortdaten in einem Informationssystem wichtig sind.“

Brian Skruch, Principal Solutions Engineer for Location Intelligence Solutions bei Pitney Bowes, erklärt, dass grundlegende Geolokalisierungsdienste wie Karten der „Einstiegspreis“ für Verbraucheranwendungen entwickelnde Unternehmen sind. „Man möchte nicht zwangsläufig bei Karten aufhören“, meint er.

Denken Sie nur an all die Anwendungen, die Verbrauchern bereits zur Verfügung stehen, die sich auf georäumliche Technologie stützen. Verbraucher nutzen ihre Smartphones, um Restaurants in der Nähe zu suchen, sich die Wettervorhersage für ihren aktuellen Aufenthaltsort anzusehen, ihre Laufrouten nachzuverfolgen und zu prüfen, welche Filme in nahegelegenen Kinos gespielt werden.

„Für mich ist das wirklich nur der Anfang“, sagt Skruch. „In den nächsten 10 bis 20 Jahren wird sich das noch weiter entwickeln.“

Skruch führt als Beispiel an, dass zukünftig das WLAN eines Einkaufszentrums genutzt werden könnte, um den Standort von Käufern auszumachen. „Wenn ich weiß, in welchem Geschäft sich ein Käufer befindet und welchen anderen Laden er dann aufsucht, lerne ich ihn etwas kennen und kann seine Interessen und Bedürfnisse besser verstehen“, sagt Skruch. „Wir können Werbung dann viel zielgerichteter gestalten.“

Wenn Brian Skruch mit Kunden zusammensitzt, rät er ihnen zu überlegen, über welche Geodaten ihr Unternehmen verfügt und wie diese für neue Lösungen oder Anwendungen, an die noch niemand gedacht hat, verwendet werden könnten. „Unternehmen, die nicht darüber nachdenken, lassen sich Chancen entgehen“, führt er an. „Sie werden dann Kunden viel weniger begeistern und binden.“Georäumliche Technologie wird und kann zukünftig auf zahlreichen verschiedenen Gebieten eingesetzt werden.

Sie kann Finanzinstituten helfen, Entscheidungen über die Verteilung von Niederlassungen und die Personalzuweisung zu treffen; sie kann Versicherungsgesellschaften bei Versicherungsentscheidungen und beim Risikomanagement unterstützen; sie kann im Transport- und Logistikwesen bei der Wartungsanalyse, Streckenoptimierung und Anlagenüberwachung zum Einsatz kommen; sie kann Telekommunikationsunternehmen ein klareres Bild von der Nachfrage am Markt verschaffen und neuralgische Punkte bei der Netzabdeckung aufdecken; sie kann Verlagen, Radiostationen oder Fernsehsendern bei der Verbreitung von Medien helfen; bei Kriminalitätsanalysen und Notfallmaßnahmen zum Einsatz kommen und Regierungen bei großangelegten Planungs- und Entwicklungsvorhaben unterstützen.

Geodaten und Geolokalisierung können Unternehmen strategisch, taktisch und operativ helfen: Strategisch gesehen helfen sie beim Eintritt in eine neue Region und bei Fusionen und Übernahmen, in taktischer Hinsicht ermöglichen sie bei der Entwicklung von Angeboten für Kunden die Festlegung akzeptabler Risikoniveaus und bei der operativen Tätigkeit nützen sie zur Betrugsaufdeckung und dem Kundendienst.

Einige dieser Anwendungsfälle sind für Kunden in ihren Apps nicht ersichtlich, dennoch sind Kunden davon betroffen. Ein Beispiel dafür ist Betrugsaufdeckung. Indem eine Bank den Standort des Smartphones eines Kunden verfolgt, kann sie viel besser feststellen, ob eine Reihe von ungewöhnlichen Transaktionen wahrscheinlich betrügerisch war. „Es ist anzunehmen, dass die Bank nicht anruft, wenn sich Ihr Smartphone an demselben Ort befindet, an dem diese Transaktionen vorgenommen worden sind“, erklärt Skruch.

Die Bewertung von Versicherungsrisiken ist ein weiteres Beispiel für einen Anwendungsfall in einem Unternehmen, der für die meisten Kunden nicht sichtbar ist. Hempfield erläutert, dass sich Versicherungsgesellschaften den voraussichtlichen Verlauf eines Hurrikans ansehen und dann Geodaten heranziehen, um sofort erkennen zu können, welche ihrer Versicherungsnehmer in dem betroffenen Gebiet leben. So können Versicherungen ihre möglichen Verbindlichkeiten schätzen. „Für den Versicherer dürfte es interessant sein, ein paar Tage vor oder nach einem schweren Sturm in dem betreffenden Gebiet keine Geschäfte zu machen“, so Hempfield.

Was die für Verbraucher gedachten Anwendungen betrifft, so prognostiziert Hempfield, dass Unternehmen die Standorte von Kunden viel häufiger für zielgerichtetere Werbung nutzen werden. Beispielsweise könnte einem Kunden ein Gutschein für ein Geschäft geschickt werden, an dem er gerade vorbeikommt.

Hempfield räumt aber ein, dass dieses Vorgehen datenschutzrechtlich bedenklich sein könnte. Aber genauso wie sich Kunden daran gewöhnt haben, einige ihrer Daten aus praktischen Gründen preiszugeben, werden sich wahrscheinlich viele mit dieser Vorstellung anfreunden, solange sie einen wirklichen Mehrwert darin sehen und das Gefühl haben, das jeweilige Unternehmen missbrauche ihre Daten nicht.

Laut Hempfield könnte es schließlich durch den Vormarsch von mit dem Internet verbundenen Geräten zu einem Szenario wie diesem kommen: Der Kühlschrank einer Person erkennt, dass die Milch ausgeht, und sendet diese Information an das Smartphone seines Besitzers und aktualisiert damit dessen Einkaufsliste.

Der Einzelhändler, zu dem diese Person geht, weiß um dessen frühere Einkäufe und möglicherweise auch um dessen aktuelle Einkaufsliste. Daraufhin könnte er einen Rabattcoupon für Milch senden, den die Person in einem Geschäft in ihrer unmittelbaren Nähe einlöst.

„Ich habe mit Unternehmen gesprochen, die das Internet der Dinge wirklich genau im Auge behalten“ sagt Hempfield. „Wir sind wahrscheinlich näher dran, als so manche Menschen glauben.“